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Sprachförderung:
Arbeitsgruppe Sprachförderung:
Die Bevölkerungsstruktur in Gelsenkirchen-Hassel weist aus, dass überdurchschnittlich viele Menschen zur Gruppe der sozial Benachteiligten zu rechnen sind. Die Männer waren oder sind in sog. einfachen Berufen im Bereich der Kohleindustrie tätig, doch ist eine wachsende Zahl von ihnen nach der Schließung dieser Industriebetriebe inzwischen beschäftigungslos. Die schulischen und beruflichen Qualifikationen und damit der Beschäftigungsgrad der Frauen sind im Durchschnitt noch geringer. Die Beherrschung der deutschen Sprache, in zunehmendem Maße aber auch der Sprache des einstigen Heimatlandes, ist auf Grund des sehr hohen Anteils von Menschen mit sog. Migrationshintergrund und ihrer vielfach isolierten Wohn- und Lebensweise zusätzlich eingeschränkt und stark fehlerbehaftet. All dies wirkt sich auf das Sprachlernen der Kinder negativ aus.
Angesichts der immensen Bedeutung sprachlicher Fähigkeiten für die Persönlichkeitsentwicklung, die Erlangung hoher Schul- und Bildungsabschlüsse und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (Berufswelt, politische Entscheidungsbildung, sozio-kulturelles Umfeld) ist es daher auch besonders dringlich, die sprachlichen Lernmöglichkeiten und die sprachliche Entwicklung der Kinder erheblich zu verbessern. Vor allem das Sprachlernen im frühesten und frühen Kindesalter muss angeregt werden und erfolgreicher ablaufen, da schon in dieser Phase entscheidende Weichen für später gestellt werden und ein einmal falsch angelegtes Sprachgefühl sich nur noch sehr schwer wieder korrigieren lässt.
Die „Arbeitsgruppe Sprachförderung“ leitet für ihre eigenen Zielsetzungen daraus ab, dass der Intensivierung der Sprachförderung in der Familie und in der Vorschule höchstes Gewicht zukommt. Zwar sind die Abläufe in der Primar- und Sekundarschule sowie darüber hinaus im Jugendhaus, in der Nachbarschaft und den sonstigen sozio-kulturellen Einrichtungen ebenfalls bedeutsam, aber je besser die zuvor gelegte Basis ist, desto eher gelingen auch die sprachlichen Abläufe.
Den ersten entscheidenden Ansatzpunkt für die Initiierung positiver Impulse auf breiter Ebene sieht die Arbeitsgruppe in der Vernetzung der zehn Vorschuleinrichtungen. Es gibt in Hassel fünf städtische Kindertagesstätten, drei katholische Kindergärten (von denen allerdings eine unmittelbar vor der Schließung steht) und zwei evangelische. Alle zehn trafen sich im November 2006 auf Einladung der Arbeitsgruppe, machten ihre Arbeitsschwerpunkte, Rahmenbedingungen und Konzepte ebenso wie ihre Sorgen bzw. Wünsche transparent und verabredeten eine kontinuierliche Kooperation und Koordination im Bereich Sprachförderung. Seither gibt es regelmäßige Sitzungen (in der Regel dreimal im Jahr), die von der Arbeitsgruppe vorbereitet und geleitet werden. Zu ihnen werden auch Elternvertreter eingeladen.
Da es ein allgemeines Anliegen ist, die Eltern stärker über ihre eigene wichtige Rolle bei der Sprachförderung der Kinder zu informieren, sie zu motivieren, diese Aufgabe möglichst konsequent wahrzunehmen, und sie dafür auch mit konkreten Handlungsmöglichkeiten auszustatten, hat die Arbeitsgruppe eine Reihe von Elternfortbildungen ins Leben gerufen. Inzwischen haben drei Veranstaltungen (Sprachentwicklung und Sprachförderung, Medien und Sprachförderung, Vorlesen als Sprachförderung) über jeweils einen Vormittag stattgefunden, in denen von Fachreferenten Grundlagenwissen vermittelt und praktisches Lernen an modellhaften Beispielen inszeniert wurde. Gerade dieses Erfahrungslernen findet großen Anklang, sodass diese Veranstaltungen nicht nur sehr gut besucht sind (zwischen 60 und 120 Personen), sondern überdies die Nachfrage nach Folgeseminaren besteht. Die Reihe wird also fortgesetzt und kann als feste Einrichtung gelten.
Als aktuelles Projekt für das Jahr 2009 hat die Arbeitsgruppe eine Lesestaffel organisiert, an der sich alle Vorschul- und Primarschuleinrichtungen in Hassel beteiligen (neun Kindertageseinrichtungen, drei Grundschulen, fünf Förderschulen). Die Staffel, die einen Lesekoffer mit Lieblingsbüchern der Kinder von Einrichtung zu Einrichtung bringt, ist Anfang März in der Städtischen Kindertagesstätte Gustavstraße gestartet worden. Das dort ausgewählte Buch („Steinsuppe“ von Anais Vaugelade) wurde aber nicht nur in den Koffer gepackt und von den Staffelkindern an die Förderschule mit dem Schwerpunkt soziales und emotionales Lernen Bergmannsglückstraße transportiert, sondern den Empfängern auch vorgelesen (von der Erzieherin) und vorgeführt (von den Vorschulkindern, die zwar noch nicht selber lesen können, aber singen, spielen, malen usw.). Die Staffelkinder der Förderschule trugen den Koffer, nachdem sie ihrerseits ihr Lieblingsbuch bestimmt und für eine Vorstellung vorbereitet hatten, eine Woche später weiter zur Städtischen Kindertagesstätte Niefeldstraße und boten und erlebten dort ein ähnliches kleines Programms. Im September wird der Koffer wieder die Kindertagesstätte Gustavstraße erreichen und dann prall gefüllt sein. Ein großes Lesefest auf dem Marktplatz im Oktober 2009 soll Schluss- und Höhepunkt sein, bei dem alle Staffeln und viele weitere Vorleser/innen ihre Lieblingsbücher der Öffentlichkeit präsentieren.
Der Ortswechsel, die gastliche Atmosphäre, das ganzheitliche Vorstellen des Buches, das Reden über das Gehörte und Gesehene sowie über andere schöne Bücher haben für die Kinder einen hohen Erlebniswert. Da es, wie Umfragen belegen, in den meisten Familien an einer intensiven Buch- und Vorlesekultur fehlt, soll der besondere Rahmen helfen, die Kinder dauerhaft für Bücher und für das Vorlesen zu gewinnen. Aus positiven Erfahrungen kann ein echtes Interesse, ja Bedürfnis erwachsen, sodass auch Eltern gegenüber auf den eher berüchtigten „pädagogischen Zeigefinger“ verzichtet werden kann. Vorlesen soll keine lästige Pflicht, sondern ein Vergnügen für alle sein.
Für die beteiligten Erzieherinnen, Lehrer/innen und Eltern ist es darüber hinaus wichtig, dass durch die Kooperation der Einrichtungen ein weiterer praxisnaher „Blick über den Zaun“ möglich ist. Daraus lassen sich Anregungen ableiten, Kräfte bündeln, gemeinsam neue Ziele bestimmen und angehen. Nur wenn Bildungsbemühungen langfristig ausgerichtet sind, bringen sie bekanntlich Erfolg. Insofern wird es auch darauf ankommen, die einzelnen Ebenen (Schulstufen und die freie Kinder-, Jugend- und Kulturarbeit) zu verzahnen. Mit den Schulen der Primarstufe sind dazu bereits, wie auch die Lesestaffel zeigt, verschiedene Schritte getan worden. Diese kontinuierlich auszuweiten, wird ein Anliegen der nächsten Jahre sein. Je mehr sich die entsprechenden Institutionen selber dabei einbringen, desto stärker wird die Bildungs- und Persönlichkeitsentwicklung der Kinder davon profitieren.
Die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe (aktuell zwei Leiterinnen von Kindertageseinrichtungen, eine Grundschullehrerin, eine RAA-Mitarbeiterin, eine Sozialwissenschaftlerin und ein ehemaliger Hauptschulrektor) bringt günstige Voraussetzungen für ein stufen- und institutionsübergreifendes Planen und Handeln mit sich. Der Einstieg weiterer Personen (auch aus dem Kreis der Eltern) ist ausdrücklich erwünscht und jederzeit möglich.
Die Arbeitsgruppe hofft, dass durch das „Integrierte Interkommunale Stadterneuerungsprogramm“ für die durch das endgültige Ende der Kohleindustrie besonders betroffenen Stadtteile Hassel (Gelsenkirchen) bzw. Bertlich und Westerholt (jeweils Herten), das Ende des Jahres 2009 wirksam wird, weitere Impulse und konkrete Maßnahmen zur Intensivierung der Sprachförderung möglich werden.
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